Kölner Stadt-Anzeiger

11 juin 2018

The ensemble Variances under the baton of Thierry Pécou formed the most experimental point in the program. (...) The music became an all-encompassing spatial experience. Frenetic applause from the audience.

Feierliches Bankett in St. Maria

Passend zum lauen Sommerabend war St. Maria im Kapitol am Freitagabend für die Romanische Nacht, dem Abschlusskonzert des sechstägigen Festivals Romanischer Sommer, in warme, leuchtende Farben getaucht. Für die 30. Edition galt das Thema "Singet!".

Die Konzerte demonstrierten die Spannweite dieses Begriffs durch unterschiedliche Arten des Singens, Genres, kulturelle Formen und Epochen. Das Ensemble Eurasians 5 begann den Abend mit einem stilistischen Potpourri: Jazz ging über in usbekische Folkmusik, wurde von Tango-Melodien abgelöst und gipfelte in einem emotionalen, rauen Gesang der Sängerin und Instrumentalistin Feruza Ochilova. Ein kurzes Solo der bulgarischen Akkordeonistin Veronika Todorova sorgte für Gänsehaut. Caroline Thons virtuoses, doch bisweilen sehr dominantes, Saxofonspiel holte das Publikum zurück in die westliche Welt. Durch ihre begeisternde Darbietung zeigten die Musikerinnen aus Usbekistan, Iran, Bulgarien und Deutschland, wie sich ihre individuellen, kulturellen und musikalischen Wurzeln zu einer einzigartigen Performance zusammenfügen.

Das Alte-Musik-Ensemble Musica Fiata und das Gesangsensemble La Capella Ducale verwandelten unter der Leitung von Roland Wilson das Kirchenschiff in ein feierliches Hochzeitsbankett. Mit Werken aus dem 16. Jahrhundert machten sie - stellenweise etwas langatmig - die Pracht der 18-tägigen Feierlichkeiten des bayerischen Erzherzogs Wilhelm V. im Jahr 1568 begreiflich.

Experimentell-mittelalterlich

Das Ensemble La Voie de la Beauté unter der Leitung von Thierry Pécou bildete den experimentellsten Programmpunkt. Nach drei kurzen galgolitischen, also aus dem slawischen Mittelalter stammenden Chorälen, stimmungsvoll gesungen von der Altistin Katarina Livljanic, erklang die Kantate "Femme changeante, cantate des quatre montagnes" ("Die sich wandelnde Frau, Kantate der vier Berge"), die auf mythologischen Erzählungen und Gesängen der Navajo-Indianer beruht. Die beiden Altistinnen loteten dabei die Grenzen ihrer Stimmen aus, es wurde gesungen, gejammert, geächzt und gerufen.

Musizierend durchschritten die lebhaft und dynamisch spielenden Musiker den Kirchenraum, umrundeten das Publikum, wechselten ihre Standorte. Ein von allen Mitwirkenden unisono geschlagener, ekstatischer Tamburin-Rhythmus markierte das Ende, das Stück gipfelte in völliger Dunkelheit. Die Musik wurde zum raumumgreifenden Erlebnis. Frenetischer Applaus des Publikums.

Zu guter Letzt betrat das Münchener Quartett Stimmwerck das Podium und belohnte die bis nach Mitternacht ausharrenden Besucher mit sensibel gesungenen A-cappella-Werken des 16. und 17. Jahrhunderts, die den Bogen zurück zum Konzertort spannten: Allesamt waren Teil des damaligen musikalischen Repertoires der Hardenrath- Kapelle an St. Maria im Kapitol.

Patricia Knebel

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